Veranstaltung

Bericht von der Jahreskonferenz der AöW in Freiburg im Breisgau am 27.04.2023

Autor des Berichts: Mathias Ladstätter
erstellt am: 22.05.2023

Es gilt das gesprochene Wort

Prof. Dr. Lothar Scheuer, Präsident der AöW, begrüßte in diesem Jahr rund 50  Teilnehmer:innen zur Jahreskonferenz der Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft und eröffnete die Vorträge zum Thema „Brücken für die Belange des Wassers – Übergreifend denken und lokal handeln am Beispiel Freiburgs und anderer Betriebe der öffentlichen Wasserwirtschaft“. Kommunalpolitiker:innen, Wissenschaftler:innen und Vertreter:innen aus Verwaltung und Unternehmensführung der öffentlichen Wasserwirtschaft referierten über interkommunale Netzwerke und deren Bedeutung für Klimaschutz und Klimawandelanpassung, wobei der Schwerpunkt auf der Vorstellung und dem Handeln der Blue Communities vor allem am Beispiel Freiburg lag. Die Blue Communities sind ein internationales Netzwerk, das nachhaltige Wasserwirtschaft im kommunalpolitischen Handeln verankert hat. Die Idee geht auf die kanadische Aktivistin Maude Barlow zurück.

In seiner kurzen Einführung erinnerte der Präsident daran, dass Freiburg Gründungsmitglied der AöW ist. Er führte aus, dass die Konferenz in der Region Freiburg auch als Anerkennung und Hervorhebung für die Mitgliedschaft in der Blue Community hier vor Ort durchgeführt wurde. Die AöW verstand sich damals wie heute als Gegenpol zu jeglichen Privatisierungstendenzen. Sie unterstützt die Idee der Blue Community.

Als neues Element in der Konferenz wies Prof. Scheuer auf die im Anschluss an die Vorträge geplanten Thementische für Vernetzung, Austausch, Beiträge und Ideen hin und wünschte den Teilnehmer:innen eine interessante Veranstaltung.

Die Moderation der Fachvorträge übernahm Dr. Durmuş Ünlü, Geschäftsführer der AöW.

Erster Redner war Prof. Dr. Martin Haack, Bürgermeister der Stadt. Er überbrachte die Grüße der Stadt. Freiburg sei ein guter Ort für die Konferenz, denn das Thema Wasser habe Freiburg seit der Stadtgründung begleitet, was sich heute noch in der Wasserführung der Stadt zeige. Wasser habe einen stadtklimatischen Effekt und müsse zukünftig so genutzt werden. Regenwasser werde ortsnah versickert. Freiburg habe sich bewusst zur Blue Community bekannt und alle Kriterien dafür erfüllt. Die Probleme des Klimawandels würden in Südeuropa immer deutlicher, Hitze, Wassermangel und Dürre. Ein Klimaanpassungskonzept wäre dringend notwendig, da Klimaschutzmaßnahmen alleine eher zu spät kämen.

Als zweite Referentin gab Dr. Diana Rechid vom Climate Service Center Germany (GERICS)/Helmholtz-Zentrum hereon GmbH einen Klimaausblick speziell für Baden-Württemberg und einzelne Regionen. Gerade die letzten 8 Jahre hätten die Veränderungen sehr deutlich gemacht. Höhere Temperaturen als Folge der Emission von Treibhausgasen führten zu mehr Wasserdampf in der Atmosphäre und damit zu mehr Niederschlägen mit Hochwasser. Die höhere Verdunstung führe zu mehr Dürre. Es wurden drei Szenarien der Klimaprojektion untersucht. Die Auswirkungen verschiedener Klimamodelle könnten als globale Klimasimulation mit einer Auflösung von 200 km, für bereits 85 Regionen mit 12 km (Euro-CORDEX) dargestellt werden. Auch könnten Klimaprojektionen für einzelne Landkreise mit umliegenden Regionen erstellt werden.

Beim Überschreiten von Kipppunkten sei mit irreversiblen Prozessen zu rechnen. So können die Frosttage in Freiburg stark abnehmen und die Hitzetage mit über 30 Grad auf bis zu 60 im Jahr ansteigen. Für den Niederschlag ließen sich keine belastbaren Ableitungen treffen. Mehr Grün- und Wasserflächen und die Ausrichtung auf Schwammstädte (Wasser in der Stadt halten) seien Lösungsansätze für die Kommunen.

Der Klimawandel sei ein sich selbst verstärkender Prozess. Die hochindustriellen Länder trügen einen großen Teil dazu bei. Es müsse gehandelt werden – mehr Zusammenarbeit sei notwendig.

Anschließend referierte Dipl.-Soz. Jan Hendrik Trapp vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) zum Thema: „Ohne Wasserwirtschaft geht es nicht! Klimawandelanpassung als kommunale Vernetzungsaufgabe“. Herr Trapp zeigte wie seine Vorrednerin die Veränderungen durch den Klimawandel auf. Auf der einen Seite zu wenig Wasser – Trockenheit, auf der anderen Seite zu viel Wasser – Starkregen, Hochwasser, so fasste er die Folgen zusammen.

Durch die Veränderung unserer Bebauung könne die natürliche Wasserbilanz mit geringem Abfluss und hoher Verdunstung in einen naturnahen urbanen Wasserhaushalt mit sehr viel Stadtgrün, einem aquatischen Ökosystem und einer angepassten technischen Wasserinfrastruktur transformiert werden. Ein ressourcenschonender Umgang als Weg zu einer naturnahen Transformation. Dazu könnten die unterschiedlichen Bausteine der blau-grün-grauen Infrastruktur kombiniert werden. Wichtig sei dabei die Einbeziehung aller Akteure und die Vernetzung über Grundstücksgrenzen hinweg, da es divergierende Handlungslogiken gebe. Der Beginn kommunaler Planungsprozesse sei ein Gelegenheitsfenster für die Wasserwirtschaft, das nicht verpasst werden dürfe.

Daran schloss sich der Vortrag von Ralf Zähringer vom Umweltschutzamt Freiburg an. Er stellte die Blue Community Freiburg mit ihrer Entwicklung, ihren Erfahrungen und Fortschritten vor. „Freiburg ist die Umwelthauptstadt Deutschlands“, begann er seinen Vortrag. Blue Community ist ein 2011 gestartetes Projekt des Council of Canadians (https://canadians.org/bluecommunities) mit weltweit 49 Gemeinschaften (Städte, Gemeinden, Kirchen, Orden und Universitäten). Wasser wird als öffentliches Gut betrachtet. Die Umsetzung des Menschenrechts auf Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung wird unterstützt. Der schonende Umgang mit den Wasserressourcen, die Nutzung von Leitungswasser statt Flaschenwasser sind weitere Prinzipien.

Freiburg unterstütze das Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Wissen über Grund- und Oberflächengewässer. Das Interesse am Wasserkreislauf soll bereits im Kindesalter geweckt werden (Projekt Bachpaten). Grundsätzlich habe der Gemeinderat bereits am 13.11.2000 zum Ausdruck gebracht, dass es keine Liberalisierung im Trink- und Abwasserbereich geben soll. Leitungswasser soll bevorzugt getrunken werden (Trinkbrunnen in Schulen, Rathäusern und auf öffentlichen Plätzen). Dazu gehöre auch frei zugängliches Trinkwasser bei Festveranstaltungen. Die Ausstattung der Schulkinder mit robusten Stahltrinkflaschen anstelle von Plastikflaschen in den Schulen soll gefördert werden. Internationale öffentlich-öffentliche Partnerschaften werden gepflegt. Freiburg berücksichtige bei zukünftigen Planungen das Prinzip der Schwammstadt.

In den anschließenden Kurzvorträgen sprach Dr. Wulf Westermann vom Ifpro Freiburg/ fesa e.V. zum Thema „Interkommunales Netzwerken als Lösungsansatz bei klimawandelbedingter Trockenheit und Wasserknappheit“.

Der Klimawandel führe immer häufiger zu Wasserknappheit. Ausgetrocknete Brunnen, versiegte Quellen bis hin zum Wassernotstand könnten die Folge sein. Der Schwarzwald und ähnliche Regionen seien besonders anfällig für Wassermangel. Kleine Reservoire, oberflächennahe Quellen, geringe Fernversorgung können ebenso zum Problem werden wie der hohe Anteil an Eigenwasserversorgungsanlagen. Die Anpassung der komplexen Infrastruktur sei sehr kostenintensiv. Außerdem mangele es an Wassermeister:innen mit entsprechendem Know-how.

Die Vernetzung aller Akteur:innen mit Wissens- und Erfahrungsaustausch und die Erarbeitung gemeinsamer Lösungsansätze zur dauerhaften Gewährleistung der Versorgungssicherheit könne zum Ziel führen. Zu diesem Zweck wurde im Naturpark Südschwarzwald mit Förderung des BMU ein interkommunales Wassereffizienz-Netzwerk gegründet. Das Ergebnis sei ein Interkommunaler Versorgungsverbund mit Nutzung eines ausreichenden Wasserdargebots einer Nachbarkommune, Anschlussmöglichkeit für Eigenwasserversorger und Vorhaltung von Wasserzapfstellen. Ein weiteres Beispiel sei der Interkommunale Versorgungsverbund aquavilla GmbH mit Sitz in St. Georgen.

Dipl.-Ing. Jutta Lenz, Hochwasser Kompetenz Zentrum(HKC) e.V. schloss mit ihrem Vortrag „Eigenvorsorge ist wesentlich beim Schutz vor Hochwasser und Starkregen“ an. Durch den Klimawandel steige das Risiko für Überflutungen. Das Netzwerk HKC bestehe seit mehr als 15 Jahren und diene dem Informationsaustausch, der Bereitstellung praktischer Lösungen und der Unterstützung bei der Eigenvorsorge, hat 162 Mitglieder und 13 Kooperationen. Es bearbeitet internationale Verbundprojekte (Iran, Ghana) zur Stärkung der Eigenvorsorge. Es beteiligt sich mit einem Forschungsprojekt am Wiederaufbau in Flutgebieten Rheinland/Pfalz und NRW.

Die Stadtentwässerungsbetriebe Köln haben einen Wasser-Risiko-Check erstellt, mit dem die Anlieger:innen herausfinden könnten, wie stark ihre Gebäude von Starkregen, Hochwasser oder Grundhochwasser betroffen sein können und welche Schutzmaßnahmen in Frage kommen. Mit Hilfe eines Hochwasser-Passes könne das Gefährdungspotenzial für ein Gebäude abgeschätzt werden.

Dipl.-Kfm. Frank Endrich beendete die Kurzvorträge mit seinem Beitrag „Gemeinwohlbilanz und Nachhaltigkeitsberichterstattung bei der Stadtentwässerung Stuttgart, Tue Gutes und rede darüber“. Er sprach auch über den Eigenbetrieb SES, dessen Aufgaben dem Umweltschutz und der Gesundheitsvorsorge dienen. Die Steuerungselemente der SES seien die mittel- bis langfristige strategische Steuerung und die kurzfristige operative Steuerung. Die Informations- und Steuerungssysteme laufen über Finanzen, Kund:innen und Umwelt. Es bestehe ein Investitionscontrolling und ein Erlöscontrolling. Seit 2007 werde mit einem Qualitäts- und Umweltmanagementsystem gearbeitet, seit 2018 gebe es die Gemeinwohlbilanz.

Die Aufgaben der SES seien per se dem Gemeinwohl verpflichtet. Es gehe aber um die Messbarkeit. Die Gemeinwohlausrichtung sei eine neue und ergänzende Perspektive zu den Handlungsfeldern. Ziel wäre und sei die konkretisierte Ausrichtung auch in Richtung Gemeinwohl und Nachhaltigkeit. Dabei gehe es um Werte wie Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Es gehe um die Berührungsgruppen Lieferant:innen/Lieferketten, Mitarbeitende, Eigentümer:innen und Finanzpartner:innen, Kund:innen/Mitunternehmen und das gesellschaftliche Umfeld. Die Gemeinwohlmatrix 5.0 verknüpfe 20 Themenbereiche und stelle diese dar. Im Ergebnis zeige sie die Stärken und Potenziale auf. Für jeden Bereich (Berührungsgruppe) gebe es definierte Maßnahmen.

Mit dem Nachhaltigkeitscontrolling werde die SES an den globalen Nachhaltigkeitszielen der UN ausgerichtet. Ein Nachhaltigkeitsradar 2023 zeige positive Ergebnisse für das Qualitäts- und Umweltmanagementsystem. Im Abwasserbereich werde generationenübergreifend investiert.

An den vier Thementischen wurden folgende Themen diskutiert:

Tisch 1: Die Rolle der Wasserwirtschaft bei der Klimawandelanpassung in der Stadt und auf dem Land

Tisch 2: Hochwasser- und Starkregenschutz: Zusammenarbeit mit und in der öffentlichen Wasserwirtschaft

Tisch 3: Blue Communities, als Antrieb für Wasserthemen vor Ort

Tisch 4: Gemeinwohlbilanz und Nachhaltigkeitsberichterstattung

In ihrem Schlusswort erklärte Claudia Ehrensberger, Vizepräsidentin der AöW, dass die öffentliche Wasserwirtschaft eine Stimme brauche und diese durch die AöW habe. Die Praktiker:innen seien regional verankert und praxisorientiert. Als Fortsetzung der Diskussionen an den Thementischen sei eine Online-Austauschrunde mit den Mitgliedern geplant, an der auch Teilnehmer:innen und Interessierte eingeladen werden. Sie bedankt sich bei allen Beteiligten, Mitwirkenden und Teilnehmer:innen.


Programm AöW-Jahresveranstaltung


Vorträge der Veranstaltung zum Download:

Dr. Diana Rechid | Auswirkungen des Klimawandels auf Baden-Württemberg und einzelne Regionen

Jan Hendrik Trapp | Ohne Wasserwirtschaft geht es nicht! Klimawandelanpassung als kommunale Vernetzungsaufgabe

Ralf Zähringer | Blue Community Bericht über 2022 und Ausblick

Dr. Wulf Westermann | Interkommunales Netzwerken als Lösungsansatz bei klimawandelbedingter Trockenheit und Wasserknappheit

Jutta Lenz | Eigenvorsorge ist wesentlich beim Schutz vor Hochwasser und Starkregen

Frank Endrich | Nachhaltigkeitsberichterstattung bei der SES